Erzählung
Von Hertz' Mechanik
zur Abhandlung
Fünf Kapitel: die These der Aufsätze, die drei Missverständnisse, das Studium in Berlin, ein Begriff aus Hertz' Mechanik in der Übersetzung des Tractatus und die Stellung von Reuleaux.
Kapitel 1
Die These der Aufsätze
Die vier Aufsätze Gerd Graßhoffs, erschienen zwischen 1993 und 2004, vertreten dieselbe These: Hertz’ Prinzipien der Mechanik sind der Ausgangspunkt der Logisch-Philosophischen Abhandlung. Im Aufsatz von 1997 steht: „The Prinzipien der Mechanik of Heinrich Hertz were Wittgenstein’s leitmotif and philosophical stimulus.“ (Seite 3 des Digitalisats)
Im deutschen Aufsatz von 1993 steht der Name Hertz 59 Mal im Text der transkribierten Seiten.
Im Aufsatz von 1997 sind es 120 Nennungen auf 32 Seiten.
Der Aufsatz von 1998 führt Hertz im Titel und nennt den Namen 104 Mal auf 22 Seiten.
Im Aufsatz von 2004 über den Ursprung des Tractatus sind es 51 Nennungen auf 15 Seiten.
Wittgenstein selbst nennt Hertz unter seinen Einflüssen. Der Aufsatz von 1998 zitiert eine Aufzeichnung von 1931: „That is how Boltzmann, Hertz, Schopenhauer, Frege, Russell, Kraus, Loos, Weininger, Spengler, Sraffa influenced me.“ Der Aufsatz merkt an, dass in dieser Reihe nur Boltzmann, Hertz und Schopenhauer vor Frege und Russell stehen. (Seite 2)
Kapitel 2
Drei Missverständnisse
Der Aufsatz von 1997 unterscheidet drei verbreitete Auffassungen über den Tractatus, die er als Missverständnisse behandelt. Sie stehen in seiner Einleitung (Seite 4).
Das biographische Missverständnis. Die Hauptthesen des Tractatus seien aus dem Einfluss von Wittgensteins ersten akademischen Lehrern und der philosophischen Literatur entstanden, vor allem aus Russell und Frege.
Das thematische Missverständnis. Im Zentrum stehe die Abbildtheorie, nach der die Zusammensetzung einfacher Ausdrücke die Beziehungen der Gegenstände in der Welt spiegelt. Wittgenstein habe demnach eine Theorie sprachlicher Formen entworfen, und die genaue Bestimmung der bezeichneten Gegenstände sei zweitrangig. Überlegungen zur Wissenschaftsphilosophie fänden sich nur in den späteren Teilen, besonders in den Sätzen 6.3 ff., ohne eigenen Beitrag Wittgensteins; dort habe er Hertz’ Auffassung verwertet.
Das elementare Missverständnis. Wittgenstein habe Russells logischem Atomismus gefolgt und Elementarsätze allein aus logischen Gründen angenommen. Der Aufsatz hält dagegen: Wittgenstein habe beim Entwurf des Tractatus kein Beispiel eines Elementarsatzes im Sinn gehabt und auch nicht vorgehabt, eines zu geben.
Kapitel 3
Das Studium in Berlin und Petzoldts Vorlesungen
Der Aufsatz von 1993 stützt sich für die Biographie auf McGuinness. Wittgenstein wurde bis zum Alter von 14 Jahren von Hauslehrern unterrichtet und ging dann in Linz zur Schule. Er hatte vor, 1906 in Wien bei Boltzmann zu studieren; nach Boltzmanns Selbstmord schrieb er sich in Charlottenburg an der Technischen Hochschule ins Maschinen-Ingenieurswesen ein. 1908 ging er mit einem Abgangszeugnis nach Manchester. (Seite 6)
Aus dieser Berliner Zeit sind nach McGuinness keine Veranstaltungsbelege erhalten. Der Aufsatz schließt deshalb aus dem Studiengang: Der Begriff des materiellen Punktes gehörte zu den Prüfungsthemen der Technischen Hochschule, und Stanislaus Jolles, Mathematikprofessor an der Hochschule, bei dem Wittgenstein in Berlin wohnte, hatte projektive Geometrie und die Variationsverfahren der theoretischen Mechanik zum Fach, wie sie auch in Hertz’ Prinzipien stehen. Der Aufsatz von 2004 folgert: „it is highly likely that it was during this period that Wittgenstein became involved in Hertz’s mechanics in such detail.“ (Seite 12)
Zu den Vorlesungen des Privatdozenten Joseph Petzoldt heißt es dort: Im Sommersemester 1907, Wittgensteins zweitem Semester, behandelte er die Grundbegriffe der Mechanik: Substanz, Raum, Zeit, Materie, Kraft und Trägheit. Ob Wittgenstein sie hörte, ist nicht belegt; Petzoldt habe sie so gelegt, dass reguläre Ingenieurstudenten teilnehmen konnten. Der Aufsatz hält es für ziemlich wahrscheinlich, dass er sie besuchte. Petzoldts Manuskripte liegen im Archiv der Technischen Universität Berlin. (Seite 12)
Der Band Wittgenstein’s World of Mechanics (Springer 2006) enthält weitere Untersuchungen zu diesem Umfeld. Er liegt der Sammlung nicht vor; was hier über Petzoldt steht, stammt allein aus dem Aufsatz von 2004.
Kapitel 4
Bilder, Massentheilchen und materielle Punkte
Hertz beginnt seine Einleitung mit der Frage, wie wir Zukünftiges voraussehen: „Wir machen uns innere Scheinbilder oder Symbole der äußeren Gegenstände, und zwar machen wir sie von solcher Art, daß die denknotwendigen Folgen der Bilder stets wieder die Bilder seien von den naturnotwendigen Folgen der abgebildeten Gegenstände.“ (Seite 37 des Digitalisats) Der Aufsatz von 1998 hält fest, dass die Herkunft der Abbildtheorie aus Hertz oder Boltzmann von vielen Kommentatoren anerkannt wird, auch von McGuinness. (Seite 2)
Der Aufsatz geht darüber hinaus und zeigt es an einem Begriff. Zum Satz 6.3432 des Tractatus bemerkt er, die Übersetzung von Pears und McGuinness gebe Wittgensteins „materielle Punkte“ als „point-masses“ wieder; das sei ihr größter Mangel. In der Korrespondenz mit Ogden finde sich nichts, was die Änderung an dieser Stelle rechtfertige. Wittgenstein selbst habe Ogden geraten: „To get the right expression please look up the English translation of Hertz’s Principles of Mechanics.“ (Seite 9)
Bei Hertz sind es drei Begriffe, die der Aufsatz auseinanderhält. Im ersten Buch heißt es, ein Massentheilchen sei „ein Merkmal, durch welches wir einen bestimmten Punkt des Raumes zu einer gegebenen Zeit eindeutig zuordnen einem bestimmten Punkte des Raumes zu jeder anderen Zeit“ (Definition 1); die Masse eines Raumes ist die Zahl seiner Massentheilchen im Vergleich mit einem festgesetzten Raum (Definition 2); und „eine endliche oder unendlich kleine Masse, vorgestellt in einem unendlich kleinen Raume, heißt ein materieller Punkt“ (Definition 3). (Seite 90, gedruckte Seite Erstes Buch. 54)
Der Aufsatz von 1997 hält dazu fest: Das Massentheilchen (im Englischen „mass-particle“) sei für Hertz grundlegend und auf keinen anderen physikalischen Begriff zurückführbar; es sei ungewöhnlich, die Grundbegriffe der Masse als Eigenschaften von Raum und Zeit zu bestimmen und nicht als Gegenstände in Raum und Zeit. (Seite 21) Die Sammlung legt Text und Aufsatz nebeneinander, sodass jede Stelle im Viewer nachgeprüft werden kann.
Kapitel 5
Reuleaux' Kinematik
Franz Reuleaux’ Theoretische Kinematik von 1875 ist mit 685 Seiten das umfangreichste Werk der Sammlung. Es entwickelt die Lehre von den Elementenpaaren und den kinematischen Ketten. Die Vorrede (Seite 15 des Digitalisats, Kopfzeile „VORREDE. XI“) fasst den Aufbau zusammen: Das erste Kapitel enthalte die grundlegenden Sätze vom Bestehen der Maschine aus Paaren von Elementen und vom Zusammentreten der Elementenpaare zu Verbindungen, die Reuleaux kinematische Ketten nennt.
Die vier Aufsätze erwähnen Reuleaux nicht: Der Name kommt in ihrem Text 0 Mal vor. Ob Wittgenstein das Buch kannte, ist deshalb keine Behauptung der Sammlung, sondern eine offene Frage, die sie beantwortbar machen soll. Sie führt Reuleaux als Vergleichstext der Maschinenlehre neben Hertz, dessen Prinzipien die Mechanik, so der Titel, „in neuem Zusammenhange“ darstellen.
Beide Werke stehen im selben Viewer und sind gemeinsam durchsuchbar. Damit lässt sich prüfen, welche Begriffe der Tractatus mit der Kinematik teilt und welche nur mit Hertz.